Schon seit Wochen macht eine Hitzewelle das Leben in der bulgarischen Touristenmetropole am Schwarzen Meer zu einer Herausforderung.
Im Zimmer der Varnaer Innenstadtwohnung steht die Luft trotz der geöffneten Balkontür. Petja A. (61) liegt auf dem Bett des aufgeräumten Zimmers und schaut auf die an der Wand hängenden Gobelins. Vor 30 Jahren, als sich Ihre Krankheit noch im Frühstadium befand, hatte sie noch die Kraft, viele dieser Stoffbilder zu sticken. Jetzt liegt sie schon seit 20 Jahren ans Bett gefesselt und kann nur mit Mühe schwerfällig Kopf und Hände bewegen. Petja A. hat MS. Multiple Sklerose ist eine andauernde Entzündung des zentralen Nervensystems, mit der man in westlichen Ländern - mit Einschränkungen - leben kann. Doch in Bulgarien, wo ein Gesundheitssystem für ärmere Menschen fast nicht existiert, kommt diese Krankheit einem Todesurteil gleich. Jedoch wird dieses Urteil nicht sofort vollstreckt, sondern ist schleichend und qualvoll.
Ein deutsch-bulgarisches Projekt holt Roma-Kinder in Varna aus dem tradierten Teufelskreis von Abschottung und Chancenlosigkeit. Von gesundem Essen über Museumsbesuche bis zur gemeinsamen Feier der bulgarischen Feste reichen die Angebote.
„Wir werden immer hinter dem Zaun geboren“, sagt Dimitar Atanassov, bulgarischer Schriftsteller und Rom, der in der Vorstadt von Varna (Bulgarien) lebt. Das Wort Rom bedeutet Mensch. Die Roma sind eine der größten Minderheiten in der Europäischen Union. Viele der ärmsten von ihnen leben weit östlich. In Bulgarien gibt es eine Million Roma, davon in Varna 30.000 bis 35.000.Von Letzteren leben 20.000 Menschen segregiert – von der Bevölkerungsmehrheit abgegrenzt – in vier Romani-Stadtvierteln. Das größte Viertel liegt in Fußnähe zur Innenstadt,hat 12.000 Bewohner(innen) und wird Makzuda genannt. Dort leben vorwiegend Roma, die sich als Türk(inn)en fühlen. Viele von ihnen sind stark marginalisiert. Seit 2005 führt das Bulgarisch-Deutsche Sozialwerk St. Andreas, bei dem die Stiftung Liebenau und die Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn Gründungsmitglieder sind, dort an der Schule „Otez Paisij“ das Bildungsprojekt „Step In“ durch. 20 jugendliche Roma im Alter von zwölf bis 16 Jahren nehmen teil. Projektziel ist eine sinkende Schulabbrecherquote. Ein anderes Romani-Viertel liegt im Dorf Kamenar. Dort findet an der Schule „Dobri Vojnikov“ seit 2007 „Step In II“ statt. Widerstände in Bezug auf die Integration der Roma kommen sowohl vom ethnisch- bulgarischen Teil der Bevölkerung als auch vonseiten der Roma. Bei Ersteren handelt es sich um Einstellungen gegenüber Menschen, die man meist nicht persönlich kennt, sowie um taktisch-politische Widerstände oder Kauf von Wählerstimmen. Die Widerstände vonseiten der Roma rühren vor allem daher, dass sie sich in der Gruppe abkapseln. Zusammenfassend lässt sich sagen, all diese Faktoren führen zu einer „Geburt des Ghettos“.
Die andere Seite. Fotografien von Helge Lindau Zur Ausstellungseröffnung in der Universitäts-Bibliothek Marburg am 14. Januar 2009
Zeigen Fotos die Wahrheit? Kann sein, kann auch nicht sein. Wenn Sie verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, auf Reisen durch schöne Landschaften oder Städte Ihre Kamera zücken, wollen sie gewöhnlich nicht realistische, sondern schöne Bilder knipsen. Deshalb wählen Sie einen Ausschnitt, auf dem der Schornstein nicht zu sehen ist, oder Sie warten, bis das Auto vorbeigefahren ist. Auf unserer Marburger Tagung „Antiziganismus heute“ von 2003 wurden auch zwei Foto-Reportagen vorgestellt. Auf den Fotos der „National Geographic“ sieht man heruntergekommene Roma, die in schmutzigen Baracken herumsitzen oder –liegen, auf den Fotos des „Playboy“ sieht man einen Rom, der mit Pferd und Wagen durch eine idyllische Landschaft fährt. Ob die Fotos die Roma böswillig verzerren oder romantisch verklären, sie sind von der objektiven und der subjektiven Wahrheit gleich weit entfernt. Einen ganz anderen Eindruck vermitteln die Fotografien von Helge Lindau.
Ich suchte im Schatten des letzten Hauses vor der langen Brücke noch etwas Schutz vor der gleißenden Sonne, bevor ich den Gang über die Brücke wagen wollte. Eigentlich war es unvernünftig von mir, schon so früh am Nachmittag einen Termin zu machen, musste mir doch klar sein, dass mir die Hitze endlos zusetzen würde. Nur wenige Wolken waren am Himmel zu sehen, es wehte kaum ein Lüftchen; trotzdem wartete ich auf eine Gelegenheit, über die Brücke zu kommen. Hierzu brauchte sich nur eine Wolke vor die Sonne zu schieben, um mir so den nötigen Schatten zur Überquerung zu spenden.
In der Serie „Fragmente“ möchte ich einige Episoden von meinen Reisen zu den Roma in Osteuropa erzählen. „Fragmente“ auch deswegen, da die Geschichten aus den Kontexten genommen wurden, um die Stimmung einer Situation zu vermitteln.
Satu Mare – Der Imbissladen Die Bremsen des Zuges quietschten erneut und brachten ihn nun endgültig zum Stehen. Vor einer Stunde bin ich in Debrecen losgefahren und das geplante Ziel wäre eigentlich Zalău gewesen. Doch als ich mich bei der ungarischen Schaffnerin erkundigte, schien sie sich absolut nicht sicher zu sein, ob der Zug wirklich dort ankommen würde. Nun standen wir an der ungarisch-rumänischen Grenze in der Nähe von Nyirábrány, einem kleinen Grenzdorf, und fast schien es, als würden die rumänischen Zollbeamten mit ihren umgehängten Kalaschnikows den Zug stürmen wollen.
Leonid Tscherepovskij lebt in einer Dreizimmerwohnung im 10. Stock eines Plattenbaus mitten in der Stadt Kishinev. Der Motor des Aufzugs ist vor einiger Zeit ausgebrannt und nicht mehr repariert worden. Das bedauert Leonid nicht so sehr, weil es wegen häufigen Stromausfalls sowieso gefährlich war, den Lift zu benutzen. Die Straßenbeleuchtung in der Stadt wird überhaupt nicht mehr eingeschaltet, bei Einbruch der Dunkelheit eilen die Menschen nach Hause, die Straßen sind in der Nacht menschenleer. Die Moldawier haben sich an solche Unannehmlichkeiten längst gewöhnt und nehmen sie mit stoischer Gelassenheit. Seit das staatliche Energiemonopol an ein spanisches Unternehmen verkauft wurde, sind die Preise für eine Kilowattstunde gewaltig gestiegen. "Wenn wir sie nicht mehr zahlen können", meint der Chefredakteur von "Argumente und Fakten", "dann werden wir uns eben Kerzen kaufen müssen, falls wir welche bekommen". Leonid ist ein begnadeter Sänger und Musiker. Er hat 1970 d a s Zigeunerensemble der Sowjetunion gegründet. (Der Name "Roma" war damals und ist bis heute in Moldawien ein Fremdwort). In seinem Wohnzimmer hat er verschiedene Plakate, Broschüren und Programme am Fußboden ausgebreitet und am Tisch liegt ein großes rotes sowjetisches Buch, mit Hammer und Sichel am Umschlag. Es ist voller Auszeichnungen und Glückwünschen, unterschrieben von Größen des Obersten Sowjets und anderen wichtigen Persönlichkeiten wie zum Beispiel Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltall. "Unser Zigeunerensemble war die erste Kapelle, die zu einem Gastspiel in das Trainingszentrum nach Bajkanur eingeladen wurde" schwärmt Leonid. "Ganze zwei Wochen gastierten wir dort. Danach ging es gleich weiter über Moskau nach Frankreich. Wir waren ständig in ganz Europa und auch Asien unterwegs. Überall bekamen wir Auszeichnungen oder gewannen Wettbewerbe. Wir versuchten gar nicht, die Musik, den Tanz und Gesang der Zigeuner zu perfektionieren, es sprudelte einfach so aus uns heraus. Die meisten Mitglieder unseres Ensembles waren Zigeuner, aber das war kein Kriterium für die Aufnahme in unsere Truppe. Wichtig war einfach nur die Lust an der Sache". Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete auch das Ende von Leonids Ensemble. Moldawien ist eine der wohlhabenden Sowjetrepubliken gewesen, moldawische Weine waren sehr begehrt und die Kultur wurde hoch subventioniert. Dann aber wurden "plötzlich die Geldmittel einfach gestrichen und unser Publikum mit den Posaunen des für die Meisten unerreichbaren westlichen Wohlstandes überflutet", bedauert Leonid. "Ab und zu habe ich noch ein paar Auftritte, das ist aber zu wenig zum Leben". Die Angebote, auf Hochzeiten oder Firmenfeiern zu singen, findet er unter seiner Würde, sie "würden einer Selbstaufgabe gleichkommen".
Leonid Tscherepovskij aber gibt nicht auf. Er ist jetzt unterwegs auf den Spuren seines Volkes auf dem Gebiet Moldawiens und der Ukraine. Ein Buch über die Geschichte der Roma in dieser Region hat er schon geschrieben, allerdings noch keinen Verleger gefunden. Die Menschen in dem bitter armen Land haben andere Sorgen als Bücher zu kaufen. Zudem ist ein Großteil der Intelligenz nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes ins Ausland abgewandert. Bei der russischen und amerikanischen Botschaft hat Leonid um Unterstützung angesucht, die beide aber kein Interesse an seiner Arbeit zeigten. Auch von den wohlhabenden Roma aus Soroca ist keine Hilfe zu erwarten.
Keine Lagerfeuerromantik bei den Roma in Bulgarien
Die Bevölkerungsgruppe der Roma lebt in Europa größtenteils unter unzumutbaren sozialen und ökonomischen Bedingungen, die in unserem europäischen Sozialstaatsgefüge kaum vorstellbar sind. Mit Lagerfeuerromantik und dem Traum der ewigen Reise hat die Realität vieler Roma wenig zu tun. Stattdessen zeigt sich ein trostloses Bild vor allem in Osteuropa, das man fast nur erfassen kann, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat: Nicht nur wird der Mythos der Freiheit in Frage gestellt, sondern auch die eigene, westliche Toleranz.
Der Staat ist pleite, die Regierung könnte kommende Woche am Streit über den Haushalt zerbrechen. Die Rechtspopulisten sind in Ungarn stark – schlägt jetzt die Stunde der Radikalen? Ein Stimmungsbericht aus der Hauptstadt.
Herr Lakatos hält den Telefonhörer mit beiden Händen fest, er drückt sein dunkles Gesicht an die Muschel. Ein Gesicht, dem das Leben auf der Straße seinen Stempel aufgedrückt hat und das sich weigert, Gefühle ungefiltert an die Oberfläche dringen zu lassen. Da ist nur seine Stimme: „Nur ein bisschen etwas zu essen. Gott segne Sie, Gott segne Sie.“ Sie fleht, sie bettelt, ein Singsang der Erniedrigung.
Wenn die stechende Hochsommerhitze über der Puszta steht und sich Monat und Geld dem Ende entgegen neigen, sind die staubigen Straßen von Nyirmiháldy meist menschenleer. Der Duft der Getreideernte strömt durch das ungarische Dorf. Doch der friedliche Schein trügt. Keine zwei Wochen zuvor spielten sich, auf den sandigen Straßen der Romaviertel, auf denen sich wieder Kinder in der Abendsonne tummeln, Szenen ab, die an die Nazi-Zeit erinnern. Eine Gruppe Ungarischer Gardisten, die besonders im Osten des Landes ihr Unwesen treibt, zog uniformiert mit schwarzen Kampfanzügen und mit "Heil Hitler" grüßend durch die Straßenzüge der Roma. Unterstützt durch den Applaus ungarischer Dorfbewohner, verbreitenden die Anhänger der vom Verfassungsschutz beobachteten Bewegung, Angst und Schrecken.
Sándor Lakatos, fünffacher Familienvater, berichtet: "Die Kinder saßen drei Tage in den Häusern und haben sich nicht raus getraut und geweint. Da mussten wir uns mit Mistgabeln und Stöcken bewaffnen". Sein weißes Hemd ist nur lose zugeknöpft und demonstriert zusammen mit seiner dunklen Brustbehaarung seine Männlichkeit und Stand als Familienoberhaupt. Der Mitte dreißig Jährige hält seine selbst gemachte Milchkanne stolz in der Hand. Seine Hände unterstreichen gestikulierend seine erschreckenden Berichte in aufbrausender Artikulation.
Der Rassismus gegen die schätzungsweise 500 000 Roma in Ungarn, die sich in der Mehrheit nicht anpassen, wohl aber integrieren wollen, ist allgegenwärtig. Fast überall herrscht eine ablehnende Haltung gegenüber den "dreckigen, stinkenden und klauenden Zigeunern". So auch in Nyirmiháldy, dem Heimatdorf der Lakatos, mit seinen 2100 Einwohnern und einem Romaanteil von 40%. Das ungarische Dorf befindet sich nahe der EU-Außengrenze zur Ukraine in einer wirtschaftlich schwachen Region. Hier wohnen die kinderreichen Großfamilien ausgegrenzt in eigenen Straßenzügen, auf sehr beengten Raum zusammen. Geschlafen wird in den Zweiraumhäusern zum Teil im Akkord.
Der Büchermarkt wird überschwemmt von Potters; Genitiven die dann auch schon mal den Dativ töten, von weißen Negern, die sich dann als weiße Nebel entpuppen... Auch der Jakobsweg ist ganz schön ausgelatscht... Gespannt warten auch viele Leser auf das "Neue" von Dan Brown. (Obwohl ich die etwas unbekannteren Bücher des Hannoveraners Jörg Kastner wesentlich spannender finde.) Nach soviel Literaturtrash, ist es an der Zeit, mal wieder ein gutes Buch zu empfehlen:
Von:Clemens Prinz Kommentar: es gibt inzwischen noch ein buch von tamás jónás auf deutsch: es trägt den titel fünfunddreißig und ist bei dem wiener verlag edition abrasch erschienen. Zum Beitrag
Von:Fotowelt Ralf Thiele Kommentar: ihre seite ist eine offenbarung - großes kompliment - bei möglichen gegenbesuch meiner seite, bitte keinen gästebucheintrag. wollte wirklich nur meiner bewunderung ausdruck verleihen. einen lieben gruß. ihr ralf thiele Zum Beitrag