
Leonid Tscherepovskij lebt in einer Dreizimmerwohnung im 10. Stock eines Plattenbaus mitten in der Stadt Kishinev. Der Motor des Aufzugs ist vor einiger Zeit ausgebrannt und nicht mehr repariert worden. Das bedauert Leonid nicht so sehr, weil es wegen häufigen Stromausfalls sowieso gefährlich war, den Lift zu benutzen. Die Straßenbeleuchtung in der Stadt wird überhaupt nicht mehr eingeschaltet, bei Einbruch der Dunkelheit eilen die Menschen nach Hause, die Straßen sind in der Nacht menschenleer. Die Moldawier haben sich an solche Unannehmlichkeiten längst gewöhnt und nehmen sie mit stoischer Gelassenheit. Seit das staatliche Energiemonopol an ein spanisches Unternehmen verkauft wurde, sind die Preise für eine Kilowattstunde gewaltig gestiegen. "Wenn wir sie nicht mehr zahlen können", meint der Chefredakteur von "Argumente und Fakten", "dann werden wir uns eben Kerzen kaufen müssen, falls wir welche bekommen".
Leonid ist ein begnadeter Sänger und Musiker. Er hat 1970 d a s Zigeunerensemble der Sowjetunion gegründet. (Der Name "Roma" war damals und ist bis heute in Moldawien ein Fremdwort). In seinem Wohnzimmer hat er verschiedene Plakate, Broschüren und Programme am Fußboden ausgebreitet und am Tisch liegt ein großes rotes sowjetisches Buch, mit Hammer und Sichel am Umschlag. Es ist voller Auszeichnungen und Glückwünschen, unterschrieben von Größen des Obersten Sowjets und anderen wichtigen Persönlichkeiten wie zum Beispiel Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltall. "Unser Zigeunerensemble war die erste Kapelle, die zu einem Gastspiel in das Trainingszentrum nach Bajkanur eingeladen wurde" schwärmt Leonid. "Ganze zwei Wochen gastierten wir dort. Danach ging es gleich weiter über Moskau nach Frankreich. Wir waren ständig in ganz Europa und auch Asien unterwegs. Überall bekamen wir Auszeichnungen oder gewannen Wettbewerbe. Wir versuchten gar nicht, die Musik, den Tanz und Gesang der Zigeuner zu perfektionieren, es sprudelte einfach so aus uns heraus. Die meisten Mitglieder unseres Ensembles waren Zigeuner, aber das war kein Kriterium für die Aufnahme in unsere Truppe. Wichtig war einfach nur die Lust an der Sache".
Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete auch das Ende von Leonids Ensemble. Moldawien ist eine der wohlhabenden Sowjetrepubliken gewesen, moldawische Weine waren sehr begehrt und die Kultur wurde hoch subventioniert. Dann aber wurden "plötzlich die Geldmittel einfach gestrichen und unser Publikum mit den Posaunen des für die Meisten unerreichbaren westlichen Wohlstandes überflutet", bedauert Leonid. "Ab und zu habe ich noch ein paar Auftritte, das ist aber zu wenig zum Leben". Die Angebote, auf Hochzeiten oder Firmenfeiern zu singen, findet er unter seiner Würde, sie "würden einer Selbstaufgabe gleichkommen".
Leonid Tscherepovskij aber gibt nicht auf. Er ist jetzt unterwegs auf den Spuren seines Volkes auf dem Gebiet Moldawiens und der Ukraine. Ein Buch über die Geschichte der Roma in dieser Region hat er schon geschrieben, allerdings noch keinen Verleger gefunden. Die Menschen in dem bitter armen Land haben andere Sorgen als Bücher zu kaufen. Zudem ist ein Großteil der Intelligenz nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes ins Ausland abgewandert. Bei der russischen und amerikanischen Botschaft hat Leonid um Unterstützung angesucht, die beide aber kein Interesse an seiner Arbeit zeigten. Auch von den wohlhabenden Roma aus Soroca ist keine Hilfe zu erwarten.
Der engagierte Musiker und Sänger ist auch auf eine Sammlung russischer, moldawischer und ukrainischer Romalieder stolz, die er zusammengetragen hat und für die bisher vollständigste hält. Auch diese Sammlung versucht er zu veröffentlichen und hofft auf Interessenten in Westeuropa.
Thema: Sozial Romamusik Modawien Roma
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