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Dienstag, 6.10.2009, 17:25:15 Uhr

Rede von Prof. Wilhelm Solms


Die andere Seite. Fotografien von Helge Lindau
Zur Ausstellungseröffnung in der Universitäts-Bibliothek Marburg am 14. Januar 2009

Zeigen Fotos die Wahrheit? Kann sein, kann auch nicht sein. Wenn Sie verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, auf Reisen durch schöne Landschaften oder Städte Ihre Kamera zücken, wollen sie gewöhnlich nicht realistische, sondern schöne Bilder knipsen. Deshalb wählen Sie einen Ausschnitt, auf dem der Schornstein nicht zu sehen ist, oder Sie warten, bis das Auto vorbeigefahren ist.
Auf unserer Marburger Tagung „Antiziganismus heute“ von 2003 wurden auch zwei Foto-Reportagen vorgestellt. Auf den Fotos der „National Geographic“ sieht man heruntergekommene Roma, die in schmutzigen Baracken herumsitzen oder –liegen, auf den Fotos des „Playboy“ sieht man einen Rom, der mit Pferd und Wagen durch eine idyllische Landschaft fährt. Ob die Fotos die Roma böswillig verzerren oder romantisch verklären, sie sind von der objektiven und der subjektiven Wahrheit gleich weit entfernt. Einen ganz anderen Eindruck vermitteln die Fotografien von Helge Lindau.

Herr Lindau hat schon seit 1988 in vielen osteuropäischen Ländern Roma fotografiert. Auf seinen Fotos sind mir folgende Merkmale aufgefallen. Das erste Merkmal habe ich, da ich nicht fotografiere, nicht selbst gemerkt. Herr Lindau hat keines seiner Fotos nachträglich retouchiert, ein Indiz dafür, das ihn – im Unterschied zu den Foto-Reportern der Illustrierten – in erster Linie die Roma und nicht seine Fotos interessieren. Zweitens vermeidet Herr Lindau die abgeschmackten, aber immer noch beliebten Zigeunerklischees. Wir sehen weder junge Schöne mit anzüglichen Blicken noch hässliche Alte mit hexenhaften Zügen, weder schnurrbärtige Geiger mit blitzenden Augen noch Tänzerinnen, die ihren halbentblößten Körper bewegen. Wir sehen auch keine Bilder von Zigeuner-Hochzeiten oder von der Krönung eines so genannten Zigeunerkönigs.
Als Drittes zeigen die Bilder, dass die Roma zu dem Fotografen Vertrauen hatten. „Man kann nicht sofort mit der Kamera losgehen, hinein in die Ghettos und drauf los fotografieren“, so Helge Lindau im gestern erschienenen OP-Interview. Bei Kindern ist dies nicht erstaunlich, denn Kinder lassen sich wohl überall auf der Welt gern fotografieren. Auf einem Foto haben neun fröhliche Kinder für die Kamera posiert. Der vorderste Junge streckt die geballte Faust aus, ein zweiter hat seine Kinderpistole gezückt, die Mädchen lachen. „Schau mal, wie stark wir sind!“ Was hat die Kinder so froh und selbstbewusst gestimmt? Einzig die Tatsache, dass sie fotografiert wurden. Wir sehen aber auch Erwachsene, die weder argwöhnisch noch mit künstlichem Lächeln in die Kamera schauen oder die den Fotografen gar nicht beachten. Auf einem Foto sitzt ein alter Herr ganz entspannt mit Hut und offener Weste auf einem Stuhl vor einer mit Bildern über und über bedeckten Wand. Neben ihm ein gerahmtes Bild von der Grablegung Christi, darüber ein Jesusbild und ein Marienbild. Dass er auch seinen Glauben fotografieren lässt, ist ebenfalls ein Zeichen des Vertrauens. Das wohl auffälligste Merkmal sind die sprechenden Gesichter, vor allem die großen, traurigen Augen: so der tief traurige Blick eines Jugendlichen, der vor einem an einen Wagen angespannten Pferd auf der Straße steht. Ein romantisches Motiv, aber bar jeder Romantik. Auf manchen Gesichtern von Erwachsenen scheint sich ihre ganze Lebensgeschichte eingeprägt zu haben: etwa auf dem runzligen, aber keineswegs hässlichen Gesicht der alten Frau, die vor einer bewachsenen Mauer sitzt und raucht. In einem Türrahmen steht eine Frau, vor ihr hat sich ein ganzes Dutzend Kinder in zwei Reihen aufgestellt. Vorne stehen fünf Kleine mit geblähten Bäuchen: entweder splitternackt oder mit bedecktem Oberkörper. Sinti würden übrigens ihre Kinder nicht nackt fotografieren lassen, manche Roma auch nicht. Falls Sie zu Weihnachten ein Foto von Kindern Ihrer Verwandten oder Freunde erhalten haben, vermute ich, dass deren Gesichter meist fröhlicher aussehen, aber weniger ausdrucksstark sind als dieses.

Ein fünftes Merkmal ist die Körperhaltung. Ein schönes Mädchen mit langen schwarzen Haaren sitzt in sich zusammengedrückt am Wegrand auf einem Stein. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet, ihr Kopf wird vom linken Arm gestützt, der seinerseits auf das rechte Bein gestützt ist. Was die Körperhaltung ausdrückt, ist Trauer und Nachdenklichkeit. Ein kräftiger alter Mann mit dichten, langen, grauweißen Kopf- und Barthaaren hält niedergehockt mit geschlossenen Augen einen kleinen Jungen in seinen Armen, während er in der einen Hand eine Zigarette hält. Der Junge ist nicht tot, er schläft nur, aber seine Mutter ist gestorben, die Tochter des Alten, der als Zeichen seiner Trauer die Haare wachsen ließ. Das Mädchen hinter ihm schaut betroffen herüber, die eine Hand an der Stirn, während die Frau neben ihr sich unbeteiligt mit einer nicht sichtbaren Person unterhält. Ein Unglücksfall wie der Tod einer jungen Mutter ist dort offenbar etwas ganz Alltägliches. Als sechstes und letztes Merkmal möchte ich Sie auf die Hände hinweisen, die auf den Gruppenbildern den daneben oder davor Stehenden berühren oder anfassen, ein jüngeres Geschwisterchen festhalten oder ein Kind umgreifen.

Helge Lindau hat in seinen Fotos die reale Lebenswelt osteuropäischer Roma eingefangen. Sie zeigen die Außenwelt - bröckelnde Mauern, undichte Holzverschläge, Abfälle, eine Hochspannungsleitung -, sowie die Armut, Ausgegrenztheit und Hoffnungslosigkeit der Roma, die in diesen Ghettos leben. Sie zeigen aber auch den Zusammenhalt innerhalb der Großfamilien, ohne den sie nicht überleben könnten. Diese Ausstellung ist ein Aufruf, aber nicht zu Mitleid oder Toleranz, sondern dazu, diese Minderheit endlich zu schützen und ihre Lebenssituation zu verbessern, wozu die EU-Staaten sich verpflichtet haben.
© 2009 Wilhelm Solms


Thema: Osteuropa Rede Ausstellung Roma Antiziganismus

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ihre seite ist eine offenbarung - großes kompliment - bei möglichen gegenbesuch meiner seite, bitte keinen gästebucheintrag. wollte wirklich nur meiner bewunderung ausdruck verleihen. einen lieben gruß. ihr ralf thiele
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