Wenn die stechende Hochsommerhitze über der Puszta steht und sich Monat und Geld dem Ende entgegen neigen, sind die staubigen Straßen von Nyirmiháldy meist menschenleer.

Der Duft der Getreideernte strömt durch das ungarische Dorf. Doch der friedliche Schein trügt. Keine zwei Wochen zuvor spielten sich, auf den sandigen Straßen der Romaviertel, auf denen sich wieder Kinder in der Abendsonne tummeln, Szenen ab, die an die Nazi-Zeit erinnern. Eine Gruppe Ungarischer Gardisten, die besonders im Osten des Landes ihr Unwesen treibt, zog uniformiert mit schwarzen Kampfanzügen und mit "Heil Hitler" grüßend durch die Straßenzüge der Roma. Unterstützt durch den Applaus ungarischer Dorfbewohner, verbreitenden die Anhänger der vom Verfassungsschutz beobachteten Bewegung, Angst und Schrecken.
Sándor Lakatos, fünffacher Familienvater, berichtet: "Die Kinder saßen drei Tage in den Häusern und haben sich nicht raus getraut und geweint. Da mussten wir uns mit Mistgabeln und Stöcken bewaffnen". Sein weißes Hemd ist nur lose zugeknöpft und demonstriert zusammen mit seiner dunklen Brustbehaarung seine Männlichkeit und Stand als Familienoberhaupt. Der Mitte dreißig Jährige hält seine selbst gemachte Milchkanne stolz in der Hand. Seine Hände unterstreichen gestikulierend seine erschreckenden Berichte in aufbrausender Artikulation.
Der Rassismus gegen die schätzungsweise 500 000 Roma in Ungarn, die sich in der Mehrheit nicht anpassen, wohl aber integrieren wollen, ist allgegenwärtig. Fast überall herrscht eine ablehnende Haltung gegenüber den "dreckigen, stinkenden und klauenden Zigeunern". So auch in Nyirmiháldy, dem Heimatdorf der Lakatos, mit seinen 2100 Einwohnern und einem Romaanteil von 40%. Das ungarische Dorf befindet sich nahe der EU-Außengrenze zur Ukraine in einer wirtschaftlich schwachen Region. Hier wohnen die kinderreichen Großfamilien ausgegrenzt in eigenen Straßenzügen, auf sehr beengten Raum zusammen. Geschlafen wird in den Zweiraumhäusern zum Teil im Akkord.
Auch in der Dorfschule sind die Kinder der Minderheit fast unter sich. Die Schule hat einen Roma-Anteil von 92%. Ein Grund dafür ist auch, dass viele ungarische Eltern ihre Kinder in umliegende Orte zur Schule bringen. Im Unterricht gilt der Gleichheitsgrundsatz den Schülern gegenüber, in der Praxis nicht. Wenn eine Rom sich meldet oder eine Frage hat, dann heißt das nicht, dass dem vom Lehrer Beachtung geschenkt wird. Auch in den Pausen gibt es kein Zusammenspiel zwischen den Kindern, sondern Kämpfe.
Der 17-jährige Gabor, Sohn von Sándor Lakatos, der im Gegensatz zu fünf anderen Mitschülern aus Romafamilien nach dem Achteklasseabschluss einen Ausbildungsplatz zum Elektromaschinenschlosser bekommen hat, gibt zu bedenken, dass es schon auf Grund seiner dunklen Hautfarbe schwer sein wird, einen Arbeitsplatz zu finden. Die Arbeitslosenquote auf dem Land ist hoch, z.T. bis zum 80%.
In Nyirmiháldy ist man als Roma Musiker, Besenbinder, arbeitslos oder Tagelöhner. Wer für die Ungarn arbeitet, bekommt wenn er Glück hat, seine vereinbarten 400 Forint pro Stunde, welche nicht ein mal 2 Euro entsprechen. Oft hingegen werden Tagelöhner einfach nur mit Naturalien abgespeist.
Über die 2000 imaginären Arbeitsplätze in diversen Fabriken die der Bürgermeister Niestor Verenz, wohl genährt, gerötet im Gesicht und vor zahlreichen Pokalen und Fahnen in seinem Büro sitzend, anpreist, können die Lakatos nur Lächeln.
"Die nehmen keinen mehr". Entgegen aller Vorurteile wollen viele Roma arbeiten. Sie waren es, die mit der Wende in Ungarn als erstes in den maroden Staatsbetrieben entlassen wurden. Nun müssen viele von Sozialhilfe leben. Von der Summe für eine achtköpfige Familie von ca. 180 000 Forint pro Monat, was in etwa 780 € entspricht, die der Bürgermeister nennt, sehen die Adressaten nur etwa die Hälfte. Allein eine Milch kostet im örtlichen ABC-Laden schon etwa 1, 20 €.
Krankheitsfälle, mit der Notwendigkeit eines Arztbesuches, sind für die Familien ein harter Schlag. Dann bekommen Roma die Korruption im ungarischen Gesundheitssystem besonders schmerzhaft zu spüren. Diese Erfahrung musste der junge Gabor gerade machen. 5000 Forint und die Krankenschwester hat ihn überhaupt erst einmal angeschaut. Für Einiges mehr, hat ihn der Arzt ohne Betäubung an seiner Bauchwunde genäht. Es war der beste Arzt, den sie bekommen konnten. Manchmal ist die Situation einfach zum Verzweifeln.
Gabor würde auch Ungarn verlassen, wenn er irgendwo eine Chance hätte. Er, seine ungarische Frau Timea und ihr zweijähriger Sohn bräuchten nicht viel Geld, nur so viel, dass sie davon leben könnten. Das junge Paar hält sich immer wieder bei den Händen. Ihre gemeinsame Geschichte erinnert ein wenig an „Romeo und Julia“, wohl aber mit vorläufigem Happyend. Die großen wachen Augen der 18-jährigen Timea, die gern Kosmetikerin werden würde, wirken sorgenvoll, selbstbewusst und liebevoll zugleich. Nervöses Rauchen kann ihre Anspannung kaum Verbergen.
Gabor, ideenreich, mit liebevollen Gesichtszügen, hält sich immer wieder mit der rechten Hand seine nur langsam und schlecht verheilende Wunde. Nicht immer können die dunklen und strahlenden Augen den Kummer und Schmerz der Verletzung und grundsätzlichen Lebenssituation verbergen. Die Beiden wirken jung, aber doch mit Reife und sind festen Willens, trotz aller Wiederstände zusammen zu halten. Große Wiederstände gab es schon zum Beginn ihrer Beziehung von beiden Familien.
Als Timeas Mutter Gabor zum ersten Mal gesehen hat, ist sie mit dem Besen auf ihn losgegangen. Mittlerweile jedoch besuchen sich die Eltern gegenseitig. Die Roma sind die größte Minderheit in Ungarn und sie sind stigmatisiert. Über Fortschritte, besonders bei Berufsabschlüssen, verschließt die Mehrheitsgesellschaft jedoch die Augen.
"Cigany", wie sie sich auch selbst bezeichnen, avancieren immer mehr zum Sündenbock für alle möglichen Fehlentwicklungen in Ungarn. Unkenntnis über die Roma, die seit über 700 Jahren in Europa zu finden sind und ursprünglich aus dem Punjab Gebiet in Nordwestindien stammen, führt zur Ablehnung dieser. Doch auch Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen in Ungarn schüren den Rassismus gegenüber den Roma weiter an. Viel über die eigene Geschichte und die Traditionen wissen die Roma jedoch selbst nicht. Mit Anfang 50 zählt man schon zur ältesten Generation. Die Lebenserwartung ist im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft 15 Jahre geringer. Den "Cigany" selbst geht es um das hier und jetzt, welches verbessert werden muss. Mentalitätsunterschiede verstärken die Spannungen unter den Dorfbewohnern noch weiter. Vielen Ungarn ist das äußere Erscheinungsbild der Häuser und Straßenzüge der Roma ein Dorn im Auge. Wenn eine Romafamilie in ein leerstehendes Haus in Nyirmihálydi zieht, dann sinkt der Wert des Nachbarhauses um bis zu 50 %. Doch zum Beispiel die Bitte Sándor Lakatos, ihm beim Müllabtransport und der Beseitigung weiter Mängel behilflich zu sein, wurde vom Bürgermeister nicht erhört. Statt Unterstützung für den Transport ihrer Kinder zu weiterführenden Schulen oder für ihre Band, bekamen die Lakatos in der Vergangenheit vom Bürgermeister nichts als verachtende und rassistische Äußerungen zu hören.
Doch die meisten Roma in Nyrmihálydi haben ihre Lebensfreunde, ihren Stolz und das Strahlen ihrer großen, dunklen Augen nicht verloren. Selbst Bürgermeister Verenz hat keine Bedenken, dass die Kultur der Roma aussterben wird, „weil, Gitarre spielen, und auf die (Milch)-Kanne hauen, können sie fast alle, selbst die Kleinsten“.
Kommentare zum Beitrag "Roma in Ungarn - Leben als Stigmatisierte"
| Kommentar von Fotowelt Ralf Thiele |
| ihre seite ist eine offenbarung - großes kompliment - bei möglichen gegenbesuch meiner seite, bitte keinen gästebucheintrag. wollte wirklich nur meiner bewunderung ausdruck verleihen. einen lieben gruß. ihr ralf thiele |
Thema: Sozial Osteuropa Roma Allgemein
Der Beitrag "Roma in Ungarn - Leben als Stigmatisierte" wurde 702 mal gelesen.
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