Die andere Seite. Fotografien von Helge Lindau
Zur Ausstellungseröffnung in der Universitäts-Bibliothek Marburg am 14. Januar 2009

Zeigen Fotos die Wahrheit? Kann sein, kann auch nicht sein. Wenn Sie verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, auf Reisen durch schöne Landschaften oder Städte Ihre Kamera zücken, wollen sie gewöhnlich nicht realistische, sondern schöne Bilder knipsen. Deshalb wählen Sie einen Ausschnitt, auf dem der Schornstein nicht zu sehen ist, oder Sie warten, bis das Auto vorbeigefahren ist.
Auf unserer Marburger Tagung „Antiziganismus heute“ von 2003 wurden auch zwei Foto-Reportagen vorgestellt. Auf den Fotos der „National Geographic“ sieht man heruntergekommene Roma, die in schmutzigen Baracken herumsitzen oder –liegen, auf den Fotos des „Playboy“ sieht man einen Rom, der mit Pferd und Wagen durch eine idyllische Landschaft fährt. Ob die Fotos die Roma böswillig verzerren oder romantisch verklären, sie sind von der objektiven und der subjektiven Wahrheit gleich weit entfernt. Einen ganz anderen Eindruck vermitteln die Fotografien von Helge Lindau.
Der Staat ist pleite, die Regierung könnte kommende Woche am Streit über den Haushalt zerbrechen. Die Rechtspopulisten sind in Ungarn stark – schlägt jetzt die Stunde der Radikalen? Ein Stimmungsbericht aus der Hauptstadt.

Herr Lakatos hält den Telefonhörer mit beiden Händen fest, er drückt sein dunkles Gesicht an die Muschel. Ein Gesicht, dem das Leben auf der Straße seinen Stempel aufgedrückt hat und das sich weigert, Gefühle ungefiltert an die Oberfläche dringen zu lassen. Da ist nur seine Stimme: „Nur ein bisschen etwas zu essen. Gott segne Sie, Gott segne Sie.“ Sie fleht, sie bettelt, ein Singsang der Erniedrigung.